Unterricht und Unterrichtsqualität

Unterricht, Lehr-/Lern-Formate, was muss man darunter verstehen?

Unterricht oder Lehr-/Lernveranstaltungs-Formate verstehe ich als lerntheoretisch geprägte, ökonomische Umsetzungen des gesellschaftlichen Bildungsauftrages in pädagogisches Handeln. 
Die Umsetzung erfolgt in einem dynamischen System, das die Verteilung von Zuständigkeiten auf organisatorische Einheiten überträgt und die Gestaltung der Handlungsbeziehungen zwischen den Organisationseinheiten regelt, wobei alle System-Komponenten auf die übergeordneten Ziele ausgerichtet sind.

Um diese "sperrige" Beschreibung verständlicher zu machen, soll folgende Darstellung dienen:

Anders ausgedrückt kann man sagen:
Was, wie, wann und wo und wie gelehrt /gelernt wird und unter unter Einatz welcher Lehr-/Lernmittel, hängt von der jeweiligen gesellschaftlichen Entwicklung ab. Unterricht oder ein Lehr-/Lernformat allgemein ist eine Organisationsform pädagogischen Handelns, die ihrerseits abhängig ist vom Grad der gesellschaftlichenn Entwicklung.

Hierzu ein Zitat aus:
Claus J. Tully: Veränderungen des Lernens in modernen digitalen Welten, Kapitel: Lernen als gesellschaftlicher Prozess S. 159 in: MeinWissen – Unser Wissen, Hrsg.: Jens Uhlig, Rita Herwig, Michael Brodowski, LIT-Verlag 2007

 „Neue technische Innovationen, die sich gesellschaftlich durchsetzen, verändern sowohl Form als auch Inhalt des Lernens. Insgesamt können wir deshalb von einem Begriffstripel ausgehen: Gesellschaft – Technik – Lernen. Jede Gesellschaftsform stellt ein einzigartiges Arrangement von sozialen Beziehungen, technischen Artefakten und Lernstoffen dar, wobei keines dieser Elemente wichtiger ist als ein anderes. Techniken sind in diesem Zusammenhang Potenziale, sie offerieren Optionen, die sozial eingefangen und nutzbar gemacht werden müssen. Sie sind nicht die Basis der Gesellschaft, aber Teil von ihr, ebenso wie sie als Lerngegenstand und Lernmittel Teil des Lernprozesses sind.“ (Bönsch 2000).

Struktur-Komponenten von Lehr-/Lern-Veranstaltungen:

U_Komponenten

Unterrichtsqualität

In einem Zeitungsinterview der Zeitschrift ZEIT vom 29. Juli 2005 wurde der Schulforscher Prof. Dr. Andreas Helmke gefragt: " Was ist besser: Frontalunterricht oder Gruppenarbeit, selbstständig lernen oder diszipliniert pauken?"
Professor Helmke antwortete auf diese Frage: "Es gibt nicht den guten Unterricht im Sinne einer bestimmten, durchweg überlegenen Methode." Kein Unterrichtskonzept - weder die "Direkte Instruktion" noch der "Offene Unterricht" können erfolgreiches Lernen sicher gewährleisten.
Als Fazit des Interviews bleibt dem Leser die Erkenntnis, dass die Fachwissenschaft keine Patent-Rezepte für erfolgreichen, gelingenden Unterricht bereitstellen kann.

Was man aber bei empirischen Studien herausgefunden hat ist die Erkenntnis, dass es einige Kriterien gibt, die erfolgreichen Unterricht (aus der Perspektive der Lernenden ) charakterisieren. Unterrichtsgefuege

Hilbert Meyer hat in seinem Buch "Was ist guter Unterricht?" zehn Merkmale guten Unterrichts zusammen gestellt.

Zehn Merkmale guten Unterrichts (KRITERIENMIX)
1. Klare Strukturierung des Unterrichts (Prozess-,Ziel- und lnhaltsklarheit: Rollenklarheit, Absprache von Regeln, Ritualen und Freiräumen)
2. Hoher Anteil echter Lernzeit (durch gutes Zeitmanagement, Pünktlichkeit; Auslagerung von Organisationskram; Rhythmisierung des Tagesablaufs)
3. Lernförderliches Klima (durch gegenseitigen Respekt, verlässlich eingehaltene Regeln, Verantwortungsübernahme, Gerechtigkeit und Fürsorge)
4. lnhaltliche Klarheit (durch Verständlichkeit der Aufgabenstellung, Plausibilität des thematischen Gangs, Klarheit und Verbindlichkeit der Ergebnissicherung)
5. Sinnstiftendes Kommunizieren (durch Planungsbeteiligung, Gesprächskultur, Sinnkonferenzen, Lerntagebücher und Schülerfeedback)
6. Methodenvielfalt (Reichtum an lnszenierungstechniken: Vielfalt der Handlungsmuster; Variabilität der Verlaufsformen und Ausbalancierung der methodischen Großformen)
7. lndividuelles Fördern (durch Freiräume, Geduld und Zeit; durch innere Differenzierung und lntegration; durch individuelle Lernstandsanalysen und abgestimmte Förderpläne; besondere Förderung von Schülern aus Risikogruppen)
8. lntelligentes Üben (durch Bewusstmachen von Lernstrategien, passgenaue Übungsaufträge, gezielte Hilfestellungen und ,,übefreundliche" Rahmenbedingungen)
9. Transparente Leistungserwartungen (durch ein an den Richtlinien oder Bildungsstandards orientiertes, dem Leistungsvermögen der Schülerinnen und Schüler entsprechendes Lernangebot und zügige förderorientierte Rückmeldungen zum Lernfortschritt)
10. Vorbereitete Umgebung (durch gute Ordnung, funktionale Einrichtung und brauchbares Lernwerkzeug)

Was bedeutet das für die "normalen" Tätigkeiten von Lehrkräften?

Die Kenntnis der oben aufgeführten zehn Merkmale führt aber auch nicht dazu, dass Lehrkräfte durch Anwendung der Kriterien auf jeden Fall erfolgreichen Unterrichts  gestalten.  Alle Faktoren gleichzeitig zu berücksichtigen, das ist unmöglich, zumal sich manche Aspekte gegenseitig ausschließen. Lehrkräfte, die täglich Unterricht planen müssen, sehen sich täglich einer typischen Dilemma-Situation ausgesetzt. Sie müssen in ihrer Planung den angestrebten Lernerfolg vorweg denken, ihn annehmen, können aber nicht sicher sein, dass die Lernenden über den angebotenen Lernweg den Lernerfolg auch erreichen (können).
Unterricht ist eine  "Inszenierung" von Lerngelegenheiten, bei der man nicht weiß, ob sie auch gelingt.

Planungen nach der "Wenn -Dann- Regel" sind trotzdem notwendig. Ob aber die Planung das gewünschte Ergebis - nämlich erfolgreiches Lernen bei den Lernenden - hat, das hängt von vielen weiteren Faktoren im konkreten Unterrichtsgeschehen ab.
Das Rollenverständnis der Lernenden und ihr Rollenhandeln gehen entscheidend in den Lernerfolg ein.
Hierauf können Lehrkräfte aber nur bedingt Einfluss nehmen.
Das ist eine psychisch sehr belastende Situation, der sich die meisten Lehrkräfte kaum bewusst sind und ein  "Scheitern"  ihrer Planung für sich als "eigene Unfähigkeit " verbuchen". Ein Prozess, der im Extremfall im Burnout enden kann. Die Zahlen von Burnout-Patienten unter der Lehrerschaft sind erschreckend hoch.

Es zeigt sich, dass bei allen am Lernprozess Beteiligten ein neues Verständnis von Lernen benötigt wird, bei den Lehrenden und bei den Lernenden und bei der begleitenden Dienstaufsicht und beim Schulträger.

Wissen und Können, das sich bei den Lernenden einstellt, sind das Ergebnis aktiver Bemühungen aller Beteiligten an Lehr- und Lernprozessen, wobei der Lernende selbst eine große Verantwortung für das Gelingen trägt.